Bruchstücke imaginierter Natur

Dorothea Baumer


Anna Molls Schmuckobjekte zeigen eine seltene Seite ihres Handwerks: sie überraschen als erstaunlich haptische Gebilde; die Formen, rätselhaft amorph, reizen dazu, sie greifend zu erkunden; zudem und vor allem bezaubern sie durch die vielfältigen Assoziationen, die sie evozieren. Sie lassen an Naturformen denken, an Schwämme, poröse Hölzer oder Lavabrocken, bisweilen auch an eine phantastische Unterwasserflora. Gleichzeitig sind sie frei von jeglicher Abbildhaftigkeit. Anna Molls Schmuckstücke sind Bruchstücke einer imaginierten Natur. Erkennbar kunstvoll, bewahren ihre abstrakten Gebilde eine Art innere Natürlichkeit.

Vegetativen Prozessen nicht unähnlich erarbeitet die Künstlerin ihr Formenrepertoire sehr direkt aus dem Material heraus. Sie sucht den spontanen, spielerischen Zugang, die schnelle Umsetzung. Und sie hat die ihr adäquate Technik gefunden: Broschen und Anhänger werden in Wachs modelliert, mit dem heißen Skalpell bearbeitet und schließlich in Silber gegossen. Alles Unikate also. Wie auch andere Vertreter künstlerischen Autorenschmucks, hat Anna Moll sich einen Blick bewahrt für die Schönheit einfacher Materialien, gelegentlich auch Fundstücke und hat so ihrer Produktion bewußt eine gewisse Sprödigkeit erhalten. Entsprechend „wachsen“ in ihren Stücken aus Nestern geschwärzten Silberdrahts „Korallen“ aus böhmischem Glas; entzünden eingesenkte Glassplitter das Brillant-Feuer; setzt sie Gold eher als Glanzlichter in einem malerischen Sinn ein, wie die Weißhöhungen Alter Meister.        
   
Was Anna Molls Arbeiten aber wohl am meisten auszeichnet, ist ihr starkes plastisches Potential. Dass ihre Anhänger und Broschen als Schmuck funktionieren, steht außer Frage. Aber so, wie sie keine klar definierte Aufhängung kennen, verweisen sie immer schon auf ihr zweites Dasein: als plastische Objekte, als raummodulierende Figurationen (oder als raumausgreifende, wie ihre aus Kupferstreifen gefertigten Emailringe, die buchstäblich die ausschweifendsten Pirouetten vollziehen). Uns so war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, einmal alle Tragbarkeitsgebote beiseite zu lassen und in eine ganz neue Dimension vorzustoßen. 2013 zeigte Anna Moll ihre ersten aus Hohlkörpern entwickelten „Lochskulpturen“, Bronzen, die sie klassisch patiniert oder farbig aufblühen läßt. Strukturen vonTransparenz, räumlicher Öffnung und Durchdringung, die fragile Balance von innen und außen thematisieren auch diese neuen Formfindungen. Und tatsächlich scheint es, als wären ihre Objekte erst hier ganz zu sich gekommen.

Kaktee, Eine Bronze

Christian Pixis


Der türkisfarbene Körper steht auf Augenhöhe am Fenster. Licht strömt durch runde Öffnungen in seine Innenräume und tritt auf der Zimmerseite wieder aus. Nehme ich eine etwas niedrigere Haltung ein, kann ich feststellen, dass der Körper auf drei winzigen Punkten steht. Der patinierte Bronzeguss, als Original in Wachs gearbeitet, erscheint wie ein Schmuckobjekt von Anna Moll, das sich vom menschlichen Körper entfernt, größer geworden ist, und als Kleinbronze im Zimmer Platz genommen hat. Jüngst war eine amerikanische Schmuckliebhaberin in München und ich machte sie auf den neuen Weg der Künstlerin vom Schmuck zur Kleinbronze aufmerksam. Da nahm die Frau die Bronzefigur „Kaktee“, setzte sie sich auf die linke Brust und sprach über diese wunderbare Brosche. Wir erkannten: die Grenzen von frei und angewandt, von autonomem und zweckgebundenem Werk sind fließend und voller Überraschungen. Es ist das Terrain von Anna Moll. Der bronzene Körper in meinem Zimmer ist mein Gefährte, ohne zwangsläufig an meinen Körper gebunden, gehängt oder geheftet zu sein.

Vita:

  • 1964 geboren in München
  • 1984-1987 Silberschmiede-Lehre an der staatlichen Be­rufs­fach­schule für Glas und Schmuck, Neug­ablonz
  • 1987-1988 Studium bei Prof. Komelia Okim, Montgomery Community College, Arts Department, Metal Works, Washington D.C., USA
  • 1992-1996 Atelier in Berlin
  • seit 1997 lebt und arbeitet in München

Ausstellungsbeteiligungen:

  • seit 1989 Mitglied im Bayerischen Kunstgewerbeverein
  • 1993 20th Century Silver, Crafts Council, London
  • 1995 Schmuckszene ’95, Sonderschau der Internationalen Hand­werksmesse München
  • 1996 Danner Preis ’96, Die Neue Sammlung, München
  • 1997 Im Blumengarten der Schmuckkunst, V & V & V – Verein zur Förderung und Ver­brei­tung zeitge­nössischer angewandter Kunst, Wien
  • 1998 Galerie Wassermann, Schmuck Kunst Schmuck, Anna Moll, Anuschka Walch, Gabriele v. Pechmann
  • 1999 Galerie Wassermann, Schmuck Kunst Schmuck, Anna Moll, Franziska Bryan, Anuschkla Walch
  • 2000 „Schmuck 2000“, Sonderschau der 52. Internationalen Handwerksmesse München
  • 2001 „The Ring“, Mobilia Gallery, Cambridge, Massachussets, USA
  • 2003 „Schmuck 2003“, Sonderschau der 55. Internationalen Handwerksmesse München
  • 2009 Tokyo Metropolitan Museum, Tokyo, Japan
  • 2009 Velvet da Vinci Gallery San Francisco, USA
  • 2010 18 Positionen zur zeitgenössischen Schmuck- und Gerätgestaltung, Deutsches Goldschmiedehaus, Hanau
  • 2012 Ausstellungsbeteiligung BKV auf der IHM München
  • 2014 „Parasiten“ Jewellery in Munich 2014
  • 2016 Deutsches Goldschmiedehaus Hanau, Künstler des Monats August
  • 2016 „Appointment“, Doris Betz, Florian Buddeberg, Anna Eichlinger, Anna Moll
  • 2017 „Together“ Kunstpavillon München im alten Botanischen Garten
  • 2017 „Achtung Baustelle“ Bayerischer Kunstgewerbeverein

Jurorentätigkeit:

  • Mitglied in der Aufnahme- und Messe-Jury des Bayerischen Kunstgewerbevereins, München

Einzelaustellungen:

  • 2003 V&V Galerie Vitrine, Wien
  • 2007 Galerie Biro, München
  • 2013 Galerie Christian Pixis, München, Anna Moll „Alles Zeichen – Schmuckobjekte“, mit Rocco Pagel Malerei, Berlin
  • 2015 Galerie Christian Pixis, München, Anna Moll „Ansichten eines Löwenzahns – Bronzeskulpturen“, mit Rocco Pagel
  • 2016 Galerie Christian Pixis, München, Anna Moll „Luftschlossphantasien – Bronzeskulpturen und Schmuck“, mit Rocco Pagel
  • 2019 Galerie Christian Pixis, München, Anna Moll „Neue Bronzeplastiken und Zeichnungen“, mit Rocco Pagel

Bibliographie:

  • „20th Century Silver“, Hrsg. Crafts Council, London, 1993
  • „Schmuckszene ’95“, Internationale Handwerksmesse München, 1995
  • „Das Schöne, das Nützliche und die Kunst“, Danner-Preis ’96, Hrsg. Danner Stiftung, Mün­chen, 1996
  • „Im Blumengarten der Schmuckkunst“, V & V & V – Verein zur För­de­rung und Ver­breitung zeitgenössischer ange­wandter Kunst, Wien, 1997
  • „Schmuck 2000“, Internationale Handwerksmesse München, 2000
  • „Schmuck 2003“, Internationale Handwerksmesse München, 2003
  • The Compendium Finale, Darling Publications, 2008
  • The 42nd International Enameling Art Exhibition in Japan, 2009
  • 500 Enameled Objects, Lark Books, New York/London, 2009
  • Edition Art Lover 06 der Galerie Christian Pixis, München, Oktober 2017 – Anna Moll – Schmuck und Sklulpturen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden. Weitere Informationen findest du auf unserer Datenschutzerklärung.

Schließen